Die BOSS Open in Stuttgart sind eines von nur zwei Rasenturnieren in Deutschland und bieten als ATP 250 eine Woche lang hochklassiges Rasentennis auf dem Weissenhof — einer traditionsreichen Anlage, die seit 1916 professionellen Tennissport beheimatet. Der Spielplan der BOSS Open 2026 fällt in die kurze Rasensaison zwischen Roland Garros und Wimbledon und markiert für viele Spieler den ersten Kontakt mit dem grünen Belag nach Monaten auf Sand und Hartplatz. Stuttgart ist damit nicht nur ein Turnier, sondern ein Umschalter: Hier beginnt die Transformation vom Sandplatzspieler zum Rasenspieler.
Für Tennisfans hat Stuttgart eine besondere Rolle. Die Stadt gehört zu den acht professionellen ATP- und WTA-Turnierstandorten in Deutschland und bietet zusammen mit Halle die einzige Möglichkeit, Rasentennis auf deutschem Boden live zu erleben. Während Halle als ATP 500 die größeren Namen anzieht, punktet Stuttgart mit Intimität, einer traditionsreichen Anlage und einem Rahmenprogramm, das den schwäbischen Charakter der Stadt widerspiegelt. Das Turnier hat seinen festen Platz im Bewusstsein der Region und zieht Besucher aus ganz Baden-Württemberg und dem angrenzenden Bayern an.
Turnier-Profil
Die BOSS Open gehören zur Kategorie ATP 250 und vergeben 250 Ranglistenpunkte für den Sieger. Das Turnier wird vom Modekonzern Hugo Boss als Titelsponsor unterstützt, was sich im äußeren Erscheinungsbild der Veranstaltung niederschlägt: Das Branding ist stilvoller als bei den meisten Turnieren dieser Kategorie, die VIP-Bereiche sind hochwertig gestaltet, und die Gesamtästhetik hebt sich von der typischen ATP-250-Optik ab.
Gespielt wird auf Naturrasen, der auf der Weissenhof-Anlage seit der Umstellung von Sand im Jahr 2015 gepflegt wird. Die Entscheidung, vom Sand- zum Rasenturnier zu wechseln, war damals ein Wagnis — Stuttgart brach mit einer Sandplatztradition, die Jahrzehnte zurückreichte und unter anderem Spieler wie Guillermo Vilas und Thomas Muster als Sieger gesehen hatte. Rückblickend war der Wechsel strategisch klug: Als Rasenturnier besetzt Stuttgart eine Nische im deutschen Kalender, die kein anderes ATP 250 füllt, und bietet den Spielern eine zusätzliche Rasenstation vor Wimbledon. Die Spielgeschwindigkeit auf dem Weissenhof-Rasen ist schnell, aber nicht ganz so radikal wie in Halle oder auf dem Centre Court von Wimbledon — ein Unterschied, der Stuttgart für Spieler attraktiv macht, die den Übergang vom Sand etwas sanfter gestalten wollen.
Die Preisgelder liegen im ATP-250-Rahmen, aber die Attraktivität des Turniers geht über die Finanzen hinaus. Viele Spieler schätzen den Weissenhof als angenehmen Turnierstandort mit kurzen Wegen, einem engagierten Publikum und einer Organisation, die den Spielern den Aufenthalt so komfortabel wie möglich macht. Die familiäre Atmosphäre ist ein Markenzeichen, das Stuttgart von den anonymeren Tour-Stationen unterscheidet und dafür sorgt, dass Spieler Jahr für Jahr zurückkehren.
Spielplan 2026
Die BOSS Open 2026 beginnen mit einer zweitägigen Qualifikation am Wochenende, in der 16 Spieler um vier Hauptfeldplätze kämpfen. Das Hauptfeld umfasst 28 Spieler im Einzel, ergänzt durch ein 16er-Doppelfeld. Die erste Runde wird am Montag und Dienstag gespielt, die zweite Runde am Mittwoch. Die Viertelfinale folgen am Donnerstag, die Halbfinals am Samstag und das Finale am Sonntag. Die Matches beginnen am frühen Nachmittag, wobei Abendsessions an den Haupttagen das Turnier bis in den späten Abend verlängern und Berufstätigen die Möglichkeit geben, nach Feierabend noch Spitzentennis zu sehen.
Der Centre Court auf dem Weissenhof bietet Platz für rund 4 400 Zuschauer. Die Kapazität ist bewusst kompakt gehalten, was die Atmosphäre dichter macht als bei größeren Arenen. In den ersten Turniertagen werden parallel Matches auf den Außenplätzen ausgetragen, die für Ground-Pass-Inhaber frei zugänglich sind. Für Zuschauer, die die Rasensaison zum ersten Mal live erleben, sind diese Außenplätze oft das eindrucksvollste Erlebnis: Man sitzt wenige Meter vom Spieler entfernt und hört den dumpfen Aufschlag des Balls auf dem Gras — ein Geräusch, das sich fundamental von Sand oder Hartplatz unterscheidet.
Der Termin der BOSS Open liegt typischerweise in der zweiten Juniwoche, parallel oder unmittelbar vor den Terra Wortmann Open in Halle. Spieler, die beide deutschen Rasenturniere bestreiten, haben zwei Wochen Rasenpraxis vor Wimbledon — ein ideales Zeitfenster für die Umstellung. Einige Profis wählen nur eines der beiden Turniere, je nachdem, ob sie das kompaktere ATP-250-Format in Stuttgart oder das stärkere Feld im ATP 500 in Halle bevorzugen. Für Fans bietet die Parallelität den Vorteil, dass in derselben Woche sowohl in Stuttgart als auch in Halle Rasentennis stattfindet — wer flexibel ist, kann beide Standorte in einer Reise kombinieren.
Der Weissenhof — Rasen mit Geschichte
Der TC Weissenhof wurde 1898 gegründet und gehört zu den traditionsreichsten Tennisclubs Süddeutschlands. Die Anlage liegt oberhalb des Stuttgarter Kessels im Stadtteil Degerloch und bietet einen Blick über die Stadt, der an Turniertagen im Sonnenschein fast mediterran wirkt. Das erste internationale Turnier fand 1916 statt, und seitdem hat der Weissenhof eine ununterbrochene Tennisgeschichte erlebt — über zwei Weltkriege, die Professionalisierung des Sports und den Belagswechsel von Sand auf Rasen.
Die Umstellung auf Rasen 2015 war ein Wendepunkt. Das Turnier hatte als Sandplatz-Event an Profil verloren, weil es in direkter Konkurrenz zu stärkeren europäischen Sandplatz-Turnieren stand. Als Rasen-ATP-250 besetzt Stuttgart eine eigene Nische und zieht Spieler an, die gezielt Rasenpraxis suchen. Die Siegerliste seit der Umstellung liest sich entsprechend prominent: Rafael Nadal holte den ersten Rasentitel, Roger Federer und Matteo Berrettini folgten. Die Pflege des Rasens auf dem Weissenhof ist aufwendig: Das Gras wird in den Wochen vor dem Turnier auf die exakte Spielhöhe getrimmt, die Bewässerung wird präzise gesteuert, und nach jedem Turniertag werden beschädigte Stellen ausgebessert. Der Belag ist empfindlicher als Sand, was die Anzahl der spielbaren Tage begrenzt — ein Grund, warum Rasenturniere immer einwöchig bleiben.
Die Anreise zum Weissenhof ist über die Stuttgarter Stadtbahn (Haltestelle Ruhbank/Fernsehturm) möglich, die direkt an die Anlage angebunden ist. Parkplätze sind begrenzt, aber die ÖPNV-Anbindung ist zuverlässig. In der Umgebung locken der Stuttgarter Fernsehturm und die Weinberge am Kesselrand — eine Kombination, die den Turnierbesuch mit einem halben Tag Stuttgart-Erkundung verbinden lässt. Die Gastronomie auf dem Turniergelände setzt auf regionale Qualität, und wer nach dem letzten Match des Tages noch Energie hat, findet in Stuttgart-West und auf der Königstraße das Abendprogramm, das der Turniertag verdient.
Teilnehmerfeld
Das Teilnehmerfeld der BOSS Open setzt sich aus einer Mischung von Rasenspezialisten, aufstrebenden Talenten und Top-Spielern zusammen, die Stuttgart als Einstieg in die Rasensaison nutzen. In den vergangenen Jahren standen regelmäßig Spieler aus den Top 20 im Feld, darunter Matteo Berrettini und Frances Tiafoe. Alexander Zverev hat das Turnier ebenfalls besucht und mit seiner Weltranglistenposition vier dem Feld zusätzliches Gewicht gegeben. Für Zverev ist Stuttgart neben Halle eine der wenigen Gelegenheiten, in Deutschland auf Rasen zu spielen — ein Belag, auf dem er seine Wimbledon-Form aufbaut.
Deutsche Spieler erhalten Wildcards, was dem Turnier einen lokalen Bezug gibt und dem Publikum vertraute Gesichter bietet. Für Nachwuchsspieler aus der Region ist eine Wildcard für die Stuttgarter Qualifikation ein Karriereerlebnis: Die Möglichkeit, auf professionellem Rasen vor Publikum zu spielen, ist in Deutschland extrem selten, weil Rasenplätze im Vereinstennis praktisch nicht existieren. Das Doppelturnier ergänzt das Programm und bietet in den späteren Runden attraktive Paarungen auf dem Centre Court. Für Fans, die den Sprung von einem Sandplatz-Vereinsturnier zum Profi-Rasen sehen wollen, ist Stuttgart der perfekte Einstieg — die Dimensionen sind überschaubar, die Qualität auf dem Platz aber meilenweit vom Breitensport entfernt.
