106 Millionen Menschen spielen weltweit Tennis — so viele wie nie zuvor in der Geschichte des Sports. Der ITF Global Tennis Report 2024 hat die Spielerzahlen aus 199 Ländern zusammengetragen und zeigt ein Bild, das selbst Optimisten überrascht: Seit 2019 ist die Zahl der weltweit aktiven Tennisspieler um 25,6 Prozent gestiegen — von 84,4 Millionen auf den aktuellen Rekordwert. Tennis erlebt einen bemerkenswerten globalen Boom, der über alle Regionen, Altersgruppen und Geschlechter hinweg spürbar ist und die Sportart endgültig als eine der populärsten der Welt etabliert.
Für Deutschland, das mit über 1,5 Millionen DTB-Mitgliedern den größten nationalen Tennisverband der Welt stellt, sind diese Zahlen Bestätigung und Ansporn zugleich. Der globale Trend spiegelt sich im deutschen Wachstum wider — fünf Jahre in Folge steigende Mitgliederzahlen, mehr Kinder in den Vereinen, mehr Frauen auf den Plätzen. Die Internationalisierung des Sports eröffnet neue Möglichkeiten, von der Nachwuchsförderung über internationale Kooperationen bis zur Vermarktung der deutschen Turnierstandorte für ein wachsendes globales Publikum.
Globale Spielerzahlen
Die 106 Millionen Tennisspieler verteilen sich über alle Kontinente, wobei die ITF zwischen regelmäßigen Spielern (mindestens einmal pro Monat) und Gelegenheitsspielern unterscheidet. Die Gesamtzahl umfasst beide Gruppen und erfasst Spieler jeden Alters und Leistungsniveaus — vom Profi auf der ATP Tour bis zum Freizeitspieler, der einmal im Sommer den Schläger auspackt. Der Anstieg von 84,4 Millionen in 2019 auf 106 Millionen in 2024 entspricht einem Zuwachs von 21,6 Millionen Spielern in fünf Jahren — im Durchschnitt über vier Millionen pro Jahr.
Das Wachstum ist nicht gleichmäßig verteilt. Die stärksten absoluten Zuwächse verzeichnen Asien und Nordamerika, während Europa eine stabilere, aber langsamere Entwicklung zeigt. Die Pandemie war ein entscheidender Beschleuniger: Tennis als kontaktarmer Outdoor-Sport profitierte von den Einschränkungen für Hallensportarten und gewann Millionen neuer Spieler, von denen ein erheblicher Teil auch nach der Aufhebung der Einschränkungen beim Tennis geblieben ist. Die ITF wertet diesen Retention-Effekt als Indikator dafür, dass das Wachstum strukturell ist und nicht nur ein vorübergehender Pandemieffekt. Unterstützt wird diese These durch die Investitionen in neue Plätze und Vereinsinfrastruktur, die seit 2020 weltweit zugenommen haben — ein Signal, dass die Nachfrage nach Tennis nicht nachlässt, sondern in physische Infrastruktur übersetzt wird.
Im historischen Kontext sind 106 Millionen ein bemerkenswerter Wert. In den 2000er und 2010er Jahren stagnierte die globale Tennisbeteiligung oder ging in einigen Regionen sogar zurück — Vereine schlossen, Plätze verwaisten, und die Sportart galt in manchen Märkten als rückläufig. Der Wendepunkt kam mit einer Kombination aus verbesserter Zugänglichkeit — mehr öffentliche Plätze, günstigere Ausrüstung, niedrigschwellige Einstiegsformate — und einer neuen Generation von Spielerpersönlichkeiten, die den Sport für ein jüngeres Publikum attraktiv machten.
Regionale Verteilung
Asien ist mit 35,3 Millionen Spielern die Region mit der größten absoluten Spielerzahl — ein Ergebnis, das die schiere Bevölkerungsgröße des Kontinents widerspiegelt, aber auch das wachsende Interesse an Tennis in China, Japan, Indien und Südkorea. China allein stellt den größten nationalen Markt, angetrieben durch staatliche Investitionen in Sportinfrastruktur und den Erfolg chinesischer Spielerinnen auf der WTA Tour.
Europa bleibt der Kontinent mit der höchsten Tennis-Dichte pro Einwohner. Großbritannien führt mit einer Beteiligungsquote von 13,4 Prozent der Bevölkerung, gefolgt von Kanada mit 12,8 Prozent. Deutschland liegt mit seinen 1,5 Millionen Vereinsspielern in absoluten Zahlen in der europäischen Spitzengruppe, wobei die DTB-Mitgliederzahlen nur einen Teil des Gesamtbildes erfassen — viele Freizeitspieler sind nicht in Vereinen organisiert und tauchen in der DTB-Statistik nicht auf. Schätzungen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der regelmäßigen Tennisspieler in Deutschland zwei bis drei Millionen beträgt, wenn man nicht-organisierte Spieler auf öffentlichen Plätzen und in kommerziellen Hallen mitzählt.
Lateinamerika und Afrika zeigen die höchsten prozentualen Wachstumsraten, allerdings von einer niedrigeren Basis aus. In Argentinien und Brasilien profitiert Tennis von einer starken Vereinskultur und dem Erfolg südamerikanischer Profis auf der ATP Tour. In Afrika investiert die ITF gezielt in Entwicklungsprogramme, den Bau öffentlicher Plätze und die Ausbildung lokaler Trainer — mit dem Ziel, den Kontinent langfristig als Tennismarkt zu erschließen. Südafrika, Marokko und Kenia sind die Schwerpunktländer, in denen erste Challenger-Turniere stattfinden und eine Generation junger Spieler heranwächst, die den Sprung auf die internationale Bühne schaffen könnte. Das Ziel ist nicht nur die Verbreiterung der Spielerbasis, sondern auch die Entdeckung neuer Talente, die den Weg auf die Profi-Tour finden.
Frauen-Anteil
Der Anteil der Frauen unter den weltweit aktiven Tennisspielerinnen liegt bei 40,3 Prozent. Diese Zahl ist gegenüber 2019 prozentual gesunken — damals betrug der Frauenanteil noch 47 Prozent. Der Rückgang ist allerdings relativ: In absoluten Zahlen ist die Zahl der Tennisspielerinnen um 8,3 Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass mehr Frauen Tennis spielen als je zuvor, aber das Wachstum bei den Männern schneller war und den Frauenanteil am Gesamtpool verdünnt hat.
Eine relevante Kennzahl betrifft das Trainerumfeld: Nur 24,3 Prozent der weltweit registrierten Tennistrainer sind Frauen. Diese Diskrepanz hat Konsequenzen für die Nachwuchsförderung, weil weibliche Vorbilder in der Trainerrolle seltener sind und Mädchen ohne weibliche Coaches weniger Identifikationsfiguren in ihrem direkten sportlichen Umfeld finden. Die ITF hat die Ausbildung weiblicher Trainerinnen als Priorität identifiziert und fördert entsprechende Programme in über 50 Ländern. Die Ergebnisse sind bisher bescheiden, aber der Trend zeigt in die richtige Richtung: In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der weiblichen Trainerinnen auf ITF-Level um rund 12 Prozent gestiegen — langsam, aber messbar.
Für die WTA ist der globale Frauenanteil von 40 Prozent ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor: Eine breite Spielerinnenbasis schafft ein Publikum, das Frauentennis auf der Tour aktiv verfolgt und damit die TV-Einschaltquoten und Sponsoreneinnahmen stützt, die das beeindruckende Preisgeldwachstum der vergangenen Jahre erst ermöglicht haben.
ITF-Ziel: 120 Millionen bis 2030
Die ITF hat sich 2019 das Ziel gesetzt, bis 2030 weltweit 120 Millionen aktive Tennisspieler zu erreichen. Mit 106 Millionen im Jahr 2024 ist die Halbzeit überschritten, und die verbleibenden 14 Millionen erscheinen bei der aktuellen Wachstumsrate von vier Millionen pro Jahr erreichbar — vorausgesetzt, der Trend hält an. ITF-Präsident David Haggerty unterstrich bei der Präsentation des Reports in London: „Die Ergebnisse zeigen, dass Tennis nach der Covid-Periode sehr stark dasteht. 2019 haben wir uns die Aufgabe gestellt, bis 2030 weltweit 120 Millionen Menschen zum Tennis zu bringen.“
Die Strategie der ITF zur Erreichung des Ziels ruht auf drei Säulen: Infrastruktur, Zugänglichkeit und digitale Reichweite. Infrastruktur bedeutet den Bau und die Sanierung von Plätzen, insbesondere in unterversorgten Regionen in Afrika, Südostasien und Lateinamerika. Zugänglichkeit umfasst niedrigschwellige Einstiegsprogramme wie Play and Stay, die den Sport für Anfänger einfacher und günstiger machen, indem sie mit weicheren Bällen und kleineren Plätzen arbeiten. Digitale Reichweite zielt auf die Online-Präsenz des Sports — von Streaming-Angeboten für Challenger- und ITF-Turniere bis zu Social-Media-Kampagnen, die jüngere Zielgruppen ansprechen und Tennis als lifestyle-kompatiblen Sport positionieren.
Für Deutschland bedeutet das ITF-Ziel, dass der globale Rückenwind anhält. Mehr Tennisspieler weltweit bedeuten mehr internationale Turniere, mehr Medieninteresse und eine breitere wirtschaftliche Basis für den Sport insgesamt. Der DTB mit seinen 1,5 Millionen Mitgliedern ist ein Baustein dieser globalen Entwicklung — und profitiert gleichzeitig von ihr, weil ein wachsender Weltsport mehr Aufmerksamkeit, mehr Sponsorengelder und mehr Ressourcen in die nationalen Verbände lenkt. Die 120 Millionen sind kein utopisches Ziel, sondern bei anhaltendem Tempo eine Frage weniger Jahre.
